Zwei diesjährige Jubilare, die Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (geboren am 3. Februar 1809 in Hamburg / gestorben am 4. November 1847 in Leipzig) und Bohuslav Martinů (geboren am 8. Dezember 1890 in Polička, heute Tschechische Republik / gestorben am 28. August 1959 in Liestal, Schweiz) trennen zwar stilistische Musikepochen, ihre Werke verbindet jedoch auch viel Gemeinsames: Die Musik beider Komponisten hat eine einzigartige, individuelle und unverwechselbare Ausdruckweise, noch zu Lebzeiten erhielten sie allgemeine Anerkennung. Schließlich widerfuhren ihrer Musik Zeitabschnitte, in denen sie nicht willkommen bzw. ganz verboten war. So wurde das Werk von Felix Mendelssohn Bartholdy im Dritten Reich "verfemt" und kam nicht mehr zur Aufführung, und jenes von Bohuslav Martinů war ebenfalls vor und nach dem II. Weltkrieg, zu Beginn der kommunistischen Ära in der Tschechoslowakei, nicht erwünscht.
Felix Mendelssohn Bartholdy, ein deutscher Komponist der Romantik, entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie. Sein Großvater war der bedeutende Philosoph und Wegbereiter der jüdischen Aufklärung Moses Mendelssohn. So wie alle Mendelssohn-Kinder, wurde auch Felix christlich erzogen und dem Familiennamen der "christliche" Name Bartholdy beigefugt. Auch seine Eltern konvertierten zum Christentum. Schon mit neun Jahren trat Felix erstmals in der Öffentlichkeit als Pianist auf, zwei Jahre später fing er in Berlin als Schüler von Carl Friedrich Zelter an zu komponieren. Nur in einem Jahr schrieb er fast sechzig Werke, darunter Lieder, Klaviersonaten, Orgelstücke und Sinfonien. Seiner musikalischen Entwicklung kam besonders entgegen, dass sein Vater seit 1822 im Berliner Haus der Familie Konzerte mit damalig führenden Musikern veranstaltete. Für diese wurden auch Mitglieder der Hofkapelle engagiert. Felix Mendelssohn Bartholdy konnte so am Pult eines kleinen Orchesters erste dirigentische Erfahrungen machen. Darüber hinaus trat er selbst als Pianist auf und konnte im Rahmen dieser Konzerte mehrere seiner eigenen Werke zur Uraufführung bringen.
1823 vollendete er das Konzert in d-Moll für Violine, Klavier und Orchester, welches höchstwahrscheinlich bei diesen Konzerten erstmalig erklang. Es war ein umfangreiches dreisätziges Konzert von etwa 35 Minuten. Sein Lehrer Zelter schrieb danach über den jungen Komponisten eine Lobeshymne an Goethe. Es entstand ein Werk in sicherer Form, virtuoser Schreibweise, trotz Vorbilder bei den Klassikern, mit eigener frühromantischen Musiksprache - und dann blieb das Werk vergessen, lange unbekannt. Nach einer unkorrekten Werkausgabe des Leipziger Deutschen Verlags für Musik erschien erst 1999 beim Verlag Breitkopf und Härtel die texttreue Erstausgabe. So findet man im Rahmen der Gesamtausgabe der Werke Felix Mendelssohn Bartholdys dieses Doppelkonzert mit Streichern oder kleinem Orchester, wahlweise sind auch zwei Kadenzen zum ersten Satz beigefügt. Das Konzert in d-Moll für Violine, Klavier und Orchester ist zwar nicht das einzige Doppelkonzert, welches Felix Mendelssohn Bartholdy komponierte. Dieses ist ein herrliches und für die Besetzung einziges und restlos dankbares Werk, das sich erst langsam den Weg in die Konzertsäle bahnt.
Mendelssohn Bartholdy war als erfolgreicher Dirigent in mehreren deutschen Städten tätig, viele Konzertreisen führten ihn durch Europa. Seine herausragende organisatorische Leistung war die Gründung des ersten Konservatoriums auf deutschen Boden: die heutige Hochschule für Musik Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Als Künstler hat er sich um die Wiederentdeckung der Werke Johann Sebastian Bachs verdient gemacht, als Kappellmeister des Leipzigers Gewandhauses entwickelte er diese Stadt zum wichtigen Musikzentrum. Als Komponist wurde er als Mozart des 19. Jahrhunderts gefeiert und schon zu Lebzeiten erfreute sich sein Schaffen einer hohen Wertschätzung. Dennoch blieb die Rezeption seiner Werke in Deutschland wegen antisemitischen Ressentiments fast 100 Jahre lang auf nur wenige Orchesterwerke beschränkt. Während des Dritten Reichs war seine Musik ganz verboten. Trotzdem, dass Felix Mendelssohn Bartholdy mit 38 Jahren zu früh starb, hinterließ er ein außerordentlich reiches Schaffen: Opern, Bühnenmusiken, Sinfonien, Instrumentalkonzerte, Oratorien, Ouvertüren, Klavierkompositionen, Lieder sowie zahlreiche kammermusikalische Werke. Kennzeichen seines Stils sind besonders liedhafte Themen. Die Klaviergattung "Lieder ohne Worte" gehört zu seinen kompositorischen "Erfindungen".
Bohuslav Martinůist einer der bedeutendsten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er wurde auf dem Kirchenturm des mährischen Städtchen Polička als Kind eines Schuhmachers und Kirchenglöcknerdieners geboren. Zum Komponisten bildete er sich autodidaktisch, als Geiger schloss er mit Schwierigkeiten das Prager Konservatorium ab. Zwischen 1923 bis 1940 lebte er mit kürzeren Unterbrechungen in Paris. Martinůs Schaffen war zuerst von Antonín Dvořák und Josef Suk (dessen Meisterklasse Martinů kurz besuchte), danach von Debussy beeinflusst. Während seines Pariser Aufenthalts machte er Bekanntschaft mit der Musik von Igor Strawinsky und Albert Roussel sowie mit der Gruppe "Les Six".Danach kristallisierte sich Martinůs individuelle, unverkennbare, national gefärbte Musiksprache heraus. Zu seiner Heimat und ihrer Musik ließ er die Verbindung nie abreisen, obwohl er fast sein ganzes aktives Leben im Ausland verbrachte. Im Sommer 1938 besuchte er die Tschechoslowakei das letzte Mal und wohnte im Prager Nationaltheater dem großen Erfolg seiner Oper "Julietta" bei. Nach dem Überfall der Tschechoslowakei durch die Wehrmacht litt er unter den politischen Ereignissen in seiner Heimat sowie unter der Zerschlagung des Landes und schrieb mehrere Artikel, welche diese Entwicklung anprangerten. Martinůs Schaffen wurde in seiner Heimat durch das Nazi-Regime strickt verboten. Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich und einer Irrfahrt durch Frankreich und Spanien, erreichte er 1941 mit einem Sondervisum "für einen auf der Schwarzen Liste stehenden Intellektuellen", als Exilant den Boden der USA. Dort lebte er als freischaffender Komponist an verschiedenen Orten bis 1953. In den Staaten komponierte er viele seiner wichtigen Werke, die erfolgreiche Aufführungen unter solchen Dirigenten wie Erich Leinsdorf, Eugène Ormandy und Serge Kussewitzky erlebten. In den USA entstand auch eine seiner bemerkenswerten Komposition, "Mahnmal für Lidice", gewidmet - nach dem Prager Attentat auf Heydrich - den ermordeten Bewohnern des tschechischen gleichnamigen Dorfes. Nach Beendigung des Krieges plante Martinů nach Prag zurückzukommen. Er erhielt ein Angebot, den Lehrstuhl für Komposition an der Prager Akademie für Musik zu übernehmen. Das kommunistische Regime, welches 1948 die Macht übernahm, hatte jedoch seine Rückkehr zunichte gemacht. Danach wurde in seiner Heimat die Editions- und Interpretationstätigkeit von Martinůs Werke für sechs Jahre ausgesetzt. Erst ab 1956 konnte seine Musik wieder in die Konzertsäle zurückkehren. Die letzten fünf Jahre seines Lebens verbrachte Martinů in Frankreich, Italien und der Schweiz; hier vor allem in der Nähe seines Freundes und Gönners, des Dirigenten Paul Sacher. Auf dem privaten Grundstück Paul Sachers in Liestal wurde Bohuslav Martinů 1959 beigesetzt und zwei Jahrzehnte später (1979) kehrten seine sterblichen Überreste auf den Friedhof der Geburtstadt Polička zurück.
Bohuslav Martinů hinterließ fast 400 höchst interessante Kompositionen aller Formen und Gattungen. Sein Schaffen gliedert Harry Halbreich, Biograf und exzellenter Kenner des Werkes Martinůs, in vier stilistische Perioden, die sich mit Hauptabschnitten seines Lebens decken. Aber die ab ca. 1930 entwickelte eigene Tonsprache wurde zum Grundstock seiner Musik. Martinů hat sie bis zu seinem Lebensende, summarisch gesagt, immer wieder modifiziert und bereichert. Seine sich an das tschechische Folklore angelehnte Melodik, dissonierende Harmonie, farbenreiche Instrumentation und freie Formgestaltung bestimmte alle seine achtenswerte Werke, die durch eine unendliche Musikphantasie sprudeln.
Das Concertino für Klavier und Orchestergehört zu Martinůs Kompositionen, die weder bekannt noch oft gespielt wurden. Seine Entstehung hat Milo? ?afránek, der erste Biograf und Freund Martinůs, gar nicht registriert. 1938 besuchte die Pianistin Juliette Arányi die Prager Uraufführung der Oper "Julietta" von Bohuslav Martinů, nach welcher sie bei dem Komponisten das Concertino für Klavier und Orchester als Auftragswerk bestellte. Martinů komponierte das Concertino im Juni 1938 in Paris und widmete es der Auftraggeberin. Juliette Arányi bekam die Partitur des Concertino zwar noch in die Hände und konnte sich sogar über das Werk mit dem Komponisten verständigen. Überdies gab es feste Zusagen für Aufführungen in London und mit der Tschechischen Philharmonie in Wien. Aber die politischen Umstände erlaubten es ihr nicht mehr, das Werk zur Uraufführung zu bringen. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Rest-Tschechoslowakei gehörte die Pianistin zur "rassisch" verfolgten jüdischen Minderheit und durfte nicht mehr öffentlich auftreten. So übergab sie die Partitur dem Syndikat der Tschechischen Komponisten in Prag zur Aufbewahrung. Die Uraufführung des Concertino mit der Solistin Lisa Fuchs fand erst 1947 unter Leitung von Otakar Pařík im Rundfunk in Bratislava statt. Dieses Konzert wurde von dem 1946 in Prag neu gegründeten Syndikat tschechischer Komponisten organisiert. Juliette Arányi (verheiratet Selig) wurde aus Prag in das Ghetto Theresienstadt und von dort weiter in das Konzentrationslager in Auschwitz deportiert, wo sie unter ungeklärten Umständen umkam. Von dem Schicksal der Pianistin erfuhr Martinů erst nach dem Krieg. Möglicherweise auch aus diesen Gründen hat er selbst dieses Werk nie zur Aufführung angeboten und so blieb das wunderbare Concertino - eigentlich ein Klavierkonzert - unter Martinůs Werken wie verborgen. "Der herabgesetzte Titel wirkt täuschend und hat dem hochbedeutenden Werk zweifellos geschadet", schreibt Harry Halbreich und führt weiter aus: "Nur selten ist Martinůs harmonische Sprache so kernig und schmackhaft, seine Polyphonie zugleich so klar und so kräftig wie in diesem Werk, das das ziemlich stark besetzte Orchester (kein Kammerorchester!), namentlich im 3. Satz, recht symphonisch behandelt und zwischen ihm und dem schwerelosen zierlichen (aber durchaus nicht leichten) Klaviersatz wirkungsvolle Gegensätze schafft. Die Ausdrucksphäre der Ecksätze liegt dabei mehr auf derber Entschlossenheit, aber dieser Eindruck kommt vom kräftigen Orchestersatz und von der herben, gepfefferten Harmonik, die vor polytonalen Akkordballungen nicht zurückscheut. Ein langes, verträumtes Klaviersolo eröffnet das poetische Lento, ein Stück von erlesener Zartheit und Melancholie, dessen Schlusstakte zu den ergreifendsten Eingebungen ihres Schöpfers gehörten." (Halbreich, S. 297-298)Die Pianistin Slávka Pěchocová hat das "Concertino" in ihrem Repertoire seit ihrer anerkennenswerten Aufführung mit der Tschechischen Philharmonie unter dem Dirigenten Jiří Bělohlávek 2007 in Prag.
Bohuslav Martinů hinterließ eine einzige Komposition, die der Beschreibung eines Oratoriums nahe liegt, "Das Gilgamesch-Epos", welches über den Helden Gilgamesch, einer historischen Figur, die in Babylon um 2700 v. Ch. herrschte, berichtet. Unter der Gattung Oratorium (von lateinischem orare = beten) wird ein dramatisches, mehrteiliges, konzertantes Werk, mit einer zumeist geistlichen erzählenden Handlung für mehrere Solisten (auch Sprecher), Chor und Orchester verstanden. Die Musikgeschichte kennt verschiedene Oratorienformen, die immer wieder variierten und im 20. Jahrhundert schon gar keiner Richtlinie folgten. Erinnert sei nur an die großartigen Oratorialwerke wie "Le roi David" und "Jeanne d'Arc au bûcher" Arthur Honeggers, "Oidipus Rex" Igor Strawinskys oder "Die Jakobsleiter" Arnold Schönbergs. Jedes Werk ist eine Welt für sich. Auch Martinůs Oratorium "Das Gilgamesch-Epos", gehört inhaltlich und musikalisch zu den Höhepunkten der Musikliteratur dieser Gattung des 20. Jahrhundert. Es ist das Meisterwerk des 65jährigen Komponisten. Das Epos hat Martinůs Interesse schon 1948 erweckt. Er bat deshalb seinen Freund Paul Sacher um die Besorgung der vollen Übersetzung. Aber erst 1954 und 1955 stand Martinů im vollen Kompositionsprozess und schrieb aus Nizza nach Hause: "Es ist dramatisch, es verfolgt mich im Schlaf, schwer ist es ebenfalls." (Mihule, Kommentar) Das Werk beendete er im Februar 1955, gewidmet hat er es Maja Sacher, da sie die Entstehung dieser Komposition angeregte. Bei einem Besuch in London entdeckte sie die Keilschrift-Tontafeln, in welche das erste Kapitel der Weltliteratur eingemeißelt war. In Martinůs Hände gelang erst später die englische Übersetzung von dem Archäologen und Philologen R. Campbell Thompson, welche er jedoch nur teilweise verwendete. Für sein Werk stellte er den Text zu einem dreiteiligen Libretto selbst zusammen. Dadurch gewann der Inhalt an dramatischer Aussage und menschlicher Tiefe. Das kurze inhaltliche Fazit des ursprüngliches Werkes fasste treffend Keith Anderson zusammen: "In dem Gedicht wird er [Gilgamesch] von Enkidu, einem wilden Mann, begleitet, der sein ständiger Freund und Reisegefährte in allen Abenteuern ist und von einer Kurtisane gezähmt wird. Enkidu widersteht den Versuchungen Istars, der Göttin der Liebe, und als sie den Himmels-Stier töten, den sie sendet, um sie zu bestrafen, nehmen die Götter Rache und töten Enkidu. Voller Trauer sucht Gilgamesch nach einem Mittel, seinen Freund wieder zum Leben zu erwecken, und wird schließlich von seinem Schatten über die Welt der Toten aufgeklärt." (Anderson, S. 8) Martinů griff in seinem Schaffen mehrfach nach dem Thema aus der Antike, das erste Mal am Anfang seiner kompositorischen Laufbahn, als ihn die Liebesgeschichte von Tammuz und Istar bezauberte, die Martinů im Ballett "Istar" bearbeitete. Der Musikwissenschaftler Rudolf Pečman sah die Beziehung Martinůs zur Antike wie folgt: "Sie kam nicht nur in der Oper, sondern auch in anderen Werken (?) zum Vorschein. In der Antike sah Martinů einen untrennbaren Bestandteil der menschlichen Kultur. Er nahm sie nicht unkritisch an, sondern er hielt sie für eine Inspirationsquelle des modernen Menschen. Durch das Medium der europäischer Musik und Literatur brannte er sich zum Wesen der Antike im Leben des Menschen des 20. Jahrhunderts durch. Mit schöpferischen Taten erbrachte er den Nachweis, dass ihn die Antike zu philosophischen Überlegungen über das Leben, die Liebe und den Tod anregen kann." (Pečman, S. 84) Zur musikalischen Seite des Werkes äußert sich Harry Halbreich in seiner Biografie über Martinů: "Die herbe Größe der Inspiration wird durch eine Behandlung des Orchesters unterstrichen, die dem Blech (nur Trompeten und Posaunen) und dem reich besetzten Schlagzeug eine viel wichtigere, bei Martinů ungewöhnliche Rolle zuteilt. Auch Klavier und Harfe treten stark hervor, vereinen sich bisweilen in jenen aparten Zwiegesprächen, die wir auch in "Incantation" [Klavierkonzert Nr. 4, 1955/56] (dem instrumentalen Gegenstück zu diesem Beschwörungswerk) finden. Dagegen tritt das Holz weitgehend zurück. Diese härtere, sprödere Klangfarbe, der eine verhältnismäßig scharfe Harmonik entspricht, passt sich dem mächtigen Urgestein des sumerischen Textes an. Der Chorsatz erreicht hier einen Höhepunkt an lapidarer Größe, zugleich aber an polyphoner Differenzierung, sei es in den z. T. taktlosen A-cappella-Stellen oder in den wilden Steigerungen unter Mitwirkung des vollen Orchesters. Die Führung der Solostimmen, vor allem der Männerstimmen, denen die Hauptrollen zukommen (?), ist ungemein plastisch und ausdruckstark. (?) Die eindruckvollsten Höhepunkte sind wohl die berauschende Verlockungsszene im ersten Teil, mit der darauf folgenden Beschreibung der Reize der "umwallten Stadt"; ferner die großartige, von herber, männlicher Trauer erfüllte Klage Gilgameschs um den toten Freund im zweiten Teil, mit den schönen Umspielungen der Chorthrenodien; endlich die gewaltige Steigerung der Beschwörung (?) und das Nachspiel, jene atemberaubende Erforschung der letzten Dinge, wo die sterbenden Klänge zum Schluss mit der Stille des Unendlichen verschmelzen." (Halbreich, S. 456-457) Die Uraufführung des Oratoriums war geplant für die Spielzeit 1956/57, aber, da sich für das Werk kein Verlag interessierte, fand sie erst 1959 in Basel statt. Die musikalische Leitung hatte Martinůs Freund und Gönner Paul Sacher. Die deutsche Fassung stammt von A. H. Eichmann. In der unmittelbaren, künstlerisch wie inhaltlich gleichwertigen Nachbarschaft des großartigen "Gilgamesch-Epos", steht Martinůs Oper "Griechische Passion" und die Kantate "Die Weissagung des Jesaja". Einer der zartesten Grüße an seine Heimat schuf Martinů in einem seiner letzten Werke mit der Komposition "Das Maifest der Brünnlein".
Am Rande bemerkt:
Die Musikstadt Dresden kann eine frühe Rezeption des Schaffens von Bohuslav Martinů vorweisen, die auf einen Musiker, der Martinůs Musik wertvoll fand, zurückgeht. Der Dresdner Pianist und Veranstalter Paul Aron, welcher im Rahmen seiner Konzerte "Neue Musik Paul Aron" ab 1921 viele wichtige, damals ganz taufrische Werke des 20. Jahrhunderts als Ur- bzw. Erstaufführungen in Dresden vorstellte, erkannte mit sicherem Scharfsinn das Talent des jungen Martinů ehe er berühmt würde. In einem Konzert im Rahmen der "4 Kammerabende/Paul Aron" brachte er am 23. November 1932 als Dresdner Erstaufführung Martinůs "Trio (5 kurze Stücke) für Violine, Cello und Klavier", wobei er selbst den Klavierpart spielte. Es handelte sich um "Cinq pièces brèves" für Violine, Violoncello und Klavier, die nur ein Jahr davor in Paris, am 14. November 1931, uraufgeführt worden sind. Paul Aron, selbst ein verfolgter Musiker (nach den ab 1933 geltenden rassistischen Kriterien der neuen Machthaber galt er als "nichtarisch"), führte Martinůs Musik auch in seinem ersten Exilland, der Tschechoslowakei (1933-1939) auf. Und zwar nicht nur in Prag, sondern auch in einem Konzert in Teplitz, wo er Martinůs "Préludes" spielte. Als das Schicksal Paul Aron weiter nach Kuba verschlug, organisierte er auch dort Konzerte mit zeitgenössischer Musik. Dies waren offensichtlich private Konzerte mit einer Handvoll Zuhörern, vermutlich ebenso deutschsprachige Exilanten. Für sie erarbeitete er schriftlich einen Exkurs in die Musikgeschichte. In einem Einführungsvortrag zum Zyklus von drei Kammerabenden nannte er Martinů zusammen der mit Musik von Leo? Janáček und führte aus: "Bohuslav Martinů (?) seit Jahren in Paris lebend, verschmilzt in seinen Werken an Strawinsky geschulte Rhythmik mit der Polka-Freudigkeit und dem elegischen DUR-MOLL seiner böhmischen Heimat." (Paul Aron, S. 9) Als schließlich Martinů und Aron seit 1941 als Exilanten in den USA lebten, kam es zu ihrer Zusammenarbeit und auch zur persönlichen Begegnung. 1943 transkribierte Paul Aron das eben entstandene Konzert für Violine und Orchester Martinůs in die Fassung für Violine und Klavier. Ein von drei erhaltenen Briefen an Paul Aron belegen, dass Bohuslav Martinů in Darien, Connencticut, wo er den Sommer 1943 verbrachte, Paul Aron zum Besuch erwartete. Arons persönliche Begegnung mit Martinů gehörte zweifellos zu den angenehmen Seiten der schwierigen Exiljahre.
Agata Schindler
Literatur und Quellen:
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Aron, Paul: Zeitgenössische Musik, Ein Zyklus von 3 Kammerabenden, Einführender Vortrag, gehalten am 18. April 1940 zu La Haban, Cuba, im Hause Hoffmann. Typoskript, 13 Seiten, unveröffentlicht, in: Paul Aron Collection, Leo Baeck Institute, New York/Paul Sacher Stiftung, Basel;
Halbreich, Harry: Bohuslav Martinů, Werkverzeichnis und Biografie, Mainz 2007;
Harenberg Konzertführer, Dortmund 1996;
Hejzlar, Tomá?: Bohuslav Martinů, Praha 1989;
Mihule, Jaroslav: Kommentar zur Einspeilung "The Epic of Gilgamesh", Supraphon, 1121808, Praha 1977;
Pečman, Rudolf: Bohuslav Martinůs Musiktheater und seine Beziehung zur Welt der Antike, in: Bohuslav Martinů Anno 1981, Papers from an International Musicological Conference, Prague, 26-28 May, 1981, Praha 1990;
Schindler, Agata: Dresdner Liste, Musikstadt Dresden und nationalsozialistische Judenverfolgung 1933-1945 in Wort und Bild, Dresden 2003;
Schindler, Agata: Juliette Arányi,http://www.lexm.uni-hamburg.de
Schlüren, Christoph: Gesamtausgabe der Werke Felix Mendelssohn Bartholdys, in: Neue MusikZeitung,http://www.musikmph.de/rare_music/composers/m_r/mendelssohn_bartholdy/4.html?nr=4;
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