GLAUBENSSÄTZE

Motto des Jahres 2022

Jahresheft zum Download

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Singakademie,

Credo in unum Deum – möglicherweise haben Sie beim Lesen dieses Glaubenssatzes die strahlende Eröffnung der Tenöre in Bachs h-Moll-Messe im Ohr. Johann Sebastian Bach verstand es wie kaum ein anderer, die bei Glaubensdingen schnell erreichten Grenzen der Sprache musikalisch zu überwinden und das »Unsagbare« in Töne zu kleiden. Damit steht er in einer langen Reihe von Komponistinnen und Komponisten, die Inspiration aus ihrer Religion bezogen. Nicht ohne Grund ist ein großer Teil des Repertoires auch »weltlicher« Konzertchöre geistliche Musik.

Von welchen Glaubenssätzen lassen wir uns als Singakademie Dresden leiten?

 

Chorsingen verbindet und stärkt uns in allen Lebensphasen

In diesem Jahr wird die lange geplante Gründung eines Jugendkammerchores für Sängerinnen und Sänger zwischen 17 und 27 Jahren endlich Wirklichkeit. Damit ist die Singakademie die einzige nichtkirchliche Institution in Dresden, die für Menschen aller Altersgruppen, vom Grundschüler bis zur Seniorin, eine chorische Heimat bieten kann. Weitere Informationen zum Chor und zum Gründungsprojekt vom 23.8.-27.8. in Görlitz finden Sie auf Seite 12.

 

Neue Zeiten brauchen Neue Musik

Unsere Neugier auf gute Musik erschöpft sich nicht im Blick in die Vergangenheit. Deshalb können Sie in diesem Jahr vier Uraufführungen, davon zwei Auftragswerke der Singakademie Dresden, in Konzerten erleben. Dazu kommen zwei Wiedererstaufführungen des Dresdner Hofkapellmeisters Johann David Heinichen in Zusammenarbeit mit der Edition »Denkmäler der Tonkunst in Dresden«.

 

Kunst spricht Herz und Verstand gleichermaßen an

Gemäß unserem Akademiegedanken geht eine nachhaltige Auseinandersetzung mit Musik über das reine Hören hinaus. In Podiumsgesprächen beteiligen wir Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, an spannenden Diskussionen mit Akteuren aus Wissenschaft und Kunst. So werden wir vor dem Konzert »Wachstum und Stille« (siehe Seite 15) die Sichten eines Komponisten, eines Pfarrers und einer Postwachstums-Forscherin auf das Dogma ewigen Wachstums hören. Was die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz für unser Verständnis von Kreativität bedeutet, erforschen wir in einem eigens dafür initiierten Forschungsprojekt gemeinsam mit dem Machine Learning Lab der TU Darmstadt und dem KI-Startup AlephAlpha aus Heidelberg. Dabei entsteht eine komplett maschinell generierte Komposition auf Basis der Musik Richard Wagners, die im Konzert »Kunstglaube und Glaubenskunst« (siehe Seite 27) uraufgeführt wird. In der dazugehörigen Podiumsdiskussion werden wir unter anderem mit dem führenden »KI-Erklärer« Prof. Dr. Kristian Kersting über Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der Technologie sprechen.

 

Ein großes musikalisches Haus braucht ein gutes Fundament

Trotz deutschlandweiter Kooperationen bleiben wir in Dresden verwurzelt und bereichern unsere Stadt auch mit »barrierefreien« musikalischen Projekten wie den Kurzkonzerten auf Komponistenstraßen (siehe Seite 17) – vielleicht sogar vor Ihrer Haustür? Zur Eröffnung des Chorfestes des Verbands Deutscher Konzertchöre in Chemnitz präsentieren wir a-cappella-Chormusik dreier wenig bekannter Dresdner Komponisten. (Seite 20)

 

Glaubenssätze müssen nicht unbedingt im religiösen Gewand daherkommen. Es ist kein Geheimnis, dass der Wert eines Zahlungsmittels – das nüchtern betrachtet erst einmal ein bedruckter Papierschein oder ein Datenpaket im digitalen Äther ist – vom Glauben an seine Zahlungskraft abhängt. Geht das Vertrauen in eine Währung verloren, droht der Kollaps. »Unser tägliches Wachstum gib uns heute« – dass nur eine stetig wachsende Wirtschaft und permanente »Innovation« unseren Lebensstandard garantieren, ist ein nahezu heiliges Dogma unserer Wirtschaftsordnung. Künstlerische Gegenentwürfe zum Credo des ewigen Wachstums erleben Sie im Konzert »Wachstum und Stille«, bei dem wir als erstes Ensemble überhaupt in der kurz vorher eröffneten Jugendkirche Dresden (die frühere Trinitatiskirchruine) zu Gast sind.

 

Musikalische Sätze zu »traditionellen« Glaubensthemen können Sie in diesem Jahr bei der Singakademie zum Beispiel in Gestalt der »Missa solemnis« von Ludwig van Beethoven hören – sie bildet zusammen mit der »Mass« des im Dezember 2021 verstorbenen südafrikanischen Komponisten Peter Klatzow das Programm des Abschiedskonzertes für meinen Vorgänger Ekkehard Klemm.

 

Beethovens Verhältnis zum institutionalisierten Glauben war zeitlebens zwiespältig – in seinen Messen pflegte er einen sehr individualistischen Ton, der dem Katholizismus der Zeit fremd war. Dennoch war er, um mit Max Weber zu sprechen, keineswegs »religiös unmusikalisch«. Die überirdischen Klänge im Schlusssatz seiner 9. Sinfonie zu Schillers Zeilen »Über’m Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen« entsprangen sicher einer tiefen inneren Überzeugung. Neben der mittlerweile zur Tradition gewordenen Aufführung der »Neunten« am Silvestertag erklingt sie in diesem Jahr auch im Konzert mit der Bundesärztephilharmonie im Kulturpalast unter Leitung von Christoph Altstaedt.

 

Glauben und Zweifel gehören eng zusammen. Gemeinsam mit Werken des in diesem Jahr gefeierten »Jubilars« Heinrich Schütz bringen wir am Karfreitag Torsten Reitz` »Kirchenlied« zur Uraufführung. Der junge Dresdner Komponist kontrastiert darin altkirchliche Gesänge mit zeitgenössischer Dichtung von Jörg Milbradt und stellt dabei Anspruch und Wirklichkeit des Glaubens einander gegenüber. Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind eingeladen mitzuwirken und der »Führungslinie« der Orgel singend zu folgen. »Wovon lassen wir uns leiten?«, »Wem folgen wir?« sind Fragen, die bei diesem musikalischen Experiment mitschwingen.

 

In den Grenzbereichen des Lebens (und Sterbens), wenn die menschlichen Einflussmöglichkeiten begrenzt sind, bekommen Glaubenssätze eine große Bedeutung. Im »Deutschen Requiem« entfaltet Johannes Brahms biblische Texte zu Tod und Auferstehung auf anrührende und kompositorisch höchst anspruchsvolle Weise.

 

Ein Jahresprogramm wie dieses ist Teamarbeit. Das Niveau der Singakademie Dresden steht und fällt mit einer Vielzahl engagierter Menschen. Ich freue mich sehr, dass der Leiter unseres Seniorenchores Robert Schad nun auch die Leitung des Kinderchores übernommen hat und Brücken zwischen den Generationen baut. Unser künstlerisches Betriebsbüro wird seit letztem Jahr von Maria Keller mitgestaltet. In der Probenarbeit werde ich von Tatiana Boguta und Friedrich Sacher unterstützt. Neu als Stimmbildner konnten wir Laura Keil und Clemens Heidrich begrüßen. Nicht zu vergessen sind der Vorstand der Singakademie und die zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne die wir nicht erfolgreich bestehen könnten. Es ist darum absolut folgerichtig, dass wir unser Jahresprogramm mit einem Weihnachtskonzert aller Teilchöre abschließen. Dass wir Sie beim gemeinsamen Schlussarrangement zum bekannten Adventslied »Tochter Zion« zum Mitsingen einladen, ist kein Zufall – denn Sie, liebe Freundinnen und Freunde der Singakademie, sind neben unseren Mitgliedern unser wichtigster Schatz.

 

Bleiben Sie uns gewogen,

 

Ihr Michael Käppler

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